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SOCIAL MEDIA MARKETING

Snapchat: Die wahre Geschichte sind nicht Stories.

Paul Schütz, Founder & Managing Partner, Hamburg

02. Mai 2018

2013 galt Snapchat als „next big thing in social“. Der Hype war so groß, dass Mark Zuckerberg das Unternehmen für stolze 3 Milliarden US-Dollar kaufen wollte. Doch Snapchat wollte nicht Teil der Facebook-Familie werden und lehnte ab. Was dann folgte, wissen wir alle: Facebook und primär Instagram kopierte schamlos alle Features und überholte Snapchat in kürzester Zeit. Das Unternehmen befindet sich seither in einer mittleren Krise. Aber gerade jetzt sollte man Snapchat nicht unterschätzen. Der Kampf ist noch lange nicht vorbei und Snapchat hat einen Trumpf im Ärmel, der weit über die Vorherrschaft in Stories hinausgeht.

Wenn man auf Medium nach Artikeln zu Snapchat sucht, scheint es so, als ob das Unternehmen gerade seinen letzten Atemzug macht: „Why I’m leaving Snapchat and so are all your friends“, „I’m deleting Snapchat and you should, too“ und „Why Snapchat won’t make it through the year“. Doch ist dem wirklich so?

Snapchat: IPO-Wunderkind in der Kritik.

Fakt ist, dass Snap Inc., die Muttergesellschaft der Social Media App Snapchat, kein leichtes erstes Jahr als börsennotiertes Unternehmen hatte. Dabei war der Börsengang alles andere als bescheiden: Mit einem Volumen von 3,4 Milliarden Dollar war es der größte Börsengang eines amerikanischen Tech-Unternehmens seit Facebook. Der damalige Ausgabepreis von 17 US-Dollar schoss direkt zu Beginn um 44% nach oben. Man kann es nicht anders sagen: Es war eine traumhafte IPO für Gründer Evan Spiegel und Snap Inc.

Ein Jahr später sieht es leider nicht mehr so rosig aus: Aktuell steht die NYSE: SNAP Aktie bei gut 14 US-Dollar und ist damit deutlich unter dem ursprünglichen Ausgabepreis. Dass der Kurs so stark fluktuiert, betont, dass Snap Inc. ein Unternehmen ist, dass seine Vision und sein Geschäftsmodell noch nicht in Stein gemeißelt hat. Für Investoren sieht das aktuell alles nach Chaos aus. Die Medien quittieren das mit negativen Schlagzeilen: Snap Inc. sei es nicht gelungen, andere Unternehmen davon abzuhalten, Snapchats Ideen zu kopieren. Außerdem sei der Sprung ins Hardware-Business (Spectacles) gescheitert und die Umstrukturierung der zentralen App habe Millionen von Nutzern und große Influencer verstimmt. Für Evan Spiegel ist das mehr als nur ein PR-Debakel.

Snapchat ist mehr als ein Social Network.

Was jedoch Investoren und Medien aktuell nicht klar genug kommunizieren beziehungsweise begreifen, ist, dass das größte Potential von Snap Inc. nicht im Digital Advertising Geschäft liegt. Snap Inc. beschreibt sich selbst als „camera company“ und obwohl Snapchat aktuell das Aushängeschild des jungen Unternehmens ist, liegt der wahre Wert von NYSE: SNAP nicht in Snaps und Stories.

Es ist offensichtlich, dass Snapchats Werbegeschäft aktuell ein wichtiger Grundpfeiler des Unternehmens ist. Doch es ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche des Kameraunternehmens baut Snap Inc. zusammen mit seinen Millionen täglich aktiven Nutzern das Grundgerüst für eine visuelle Plattform, die meines Erachtens der Anfang eines wahrlich revolutionären Unternehmens sein könnte.

Kameras sind die neuen Tastaturen. 

Die Distribution von Informationen verbessert sich täglich durch technologischen Fortschritt. Und sie wird visueller. Die frühen text-basierten Computer der Siebzigerjahre wurden Schritt für Schritt von grafik-basierten Interfaces abgelöst. Durch schnellere Datenübertragungsraten im Internet explodierte die Anzahl an visuellem Material in den 2000ern. Unsere heutige Internetlandschaft und die führenden Social Feeds werden dominiert von Bildern und Videos in einer wahnwitzig hohen Qualität. Während über die meisten Fernseher (wenn überhaupt) noch Full-HD Material flimmert, gibt es auf YouTube Unmengen an 8K-Content. Das ist die sechszehnfache Auflösung im Vergleich zu Full-HD.

Die Jugend hat eine neue Sprache: Video.

Textnachrichten sind out.

Evan Spiegel betont in Interviews immer wieder, dass wir aktuell immer neue Anwendungsformen von Bild und Video beobachten können. In der Vergangenheit wurden Fotos und Videos primär genutzt, um einen Moment, eine wertvolle Erinnerung, festzuhalten. Snapchat hat diese Beziehung aufgebrochen. Indem die App direkt im Kameramodus startet, fordert es Nutzer auf, Videos und Bilder als Kommunikationsmittel in Echtzeit zu nutzen. Bilder und Videos werden zur Sprache des Alltags. Täglich werden 3,5 Milliarden Snaps verschickt.

Dieser Wandel von Text zu Video ist für den technologischen Fortschritt immens wichtig. Menschen sind seit der Steinzeit daran gewöhnt, Bilder zu deuten. Wir nehmen unsere Umwelt hauptsächlich visuell wahr. Computer hingegen sind aktuell noch eher blind. Zwar können sie seit Jahrzehnten getippten Text verarbeiten und mittlerweile auch Töne und Sprache entziffern, aber erst langsam lernen Maschinen zu sehen. Kameras als Quelle für die Verarbeitung und Kommunikation von Informationen sind der nächste logische Schritt für eine neue visuelle Ära der Digitalisierung.

Die Welt braucht neue Software für Kameras, die Computern unsere Welt erklären. Augmented Reality und Machine Learning sind erst der Anfang. Bald werden Computer genauso visuellen Input und Output nutzen können, wie wir unseren Sehsinn. Und Snap Inc. könnte genau in diesem Bereich einer der wichtigsten technologischen Player werden.

Snapchat als DIE visuelle Plattform.

Die nahende visuelle Revolution könnte von Snap Inc. angeführt werden. Snapchat verarbeitet bereits jetzt eine Masse an visuellen Daten in Echtzeit mit seinen Augmented Reality Produkten in Form von World Lenses. Für Nutzer ist es ein spaßiger Zeitvertreib und eine spielerische Annährung an das Thema Augmented Reality. Für Snap Inc. sind die aus Lenses geschöpften Daten ein unbezahlbares Gerüst für einen potentiellen Durchbruch in die visuelle Revolution.

Snap Inc. hat die Kamera nicht erfunden, aber es hat sozusagen die Kamera-als-Plattform erfunden, was langfristig von unschätzbarem Wert sein könnte. In den kommenden Jahren werden Kameras überall präsent sein. Ist Voice aktuell der größte Technologie-Hype, weil Computer langsam unsere Sprachen und Stimmen verstehen, wird Video zwangsläufig der nächste Schritt sein, wenn Computer unsere physische Welt visuell verarbeiten, interpretieren und erweitern können.

Snap Inc.: Die Software der visuellen Zukunft.

Die richtige Software wird dabei der ausschlaggebende Punkt sein und Snap Inc. versteht aktuell wie kein anderes Unternehmen, visuelle Signale zu deuten und sich zunutze zu machen. Aktuell ist Snapchat ein Social Network mit spaßigen AR-Produkten, aber die Philosophie hinter Snap Inc. als Kameraunternehmen könnte die Welt verändern.

Evan Spiegel nennt Edwin Land, Gründer von Polaroid, oft als sein Vorbild. Dieser revolutionierte das Kamerasegment, weil er etwas sah, das andere noch nicht begriffen hatten. Persönlich glaube ich daran, dass Evan Spiegel das Zeug dazu hat mit Snap Inc. die visuelle Revolution anzuführen.

Eine kleine Analogie zum Abschluss:

Uber ist das größte Taxiunternehmen der Welt und besitzt keine Autos. AirBnB ist das größte Gastgewerbe der Welt und besitzt keine Immobilien. Facebook ist das größte Medienhaus der Welt und produziert keinen Content.

Snap Inc. könnte sich in Kürze in diese Liste einreihen:

Snap Inc. ist das größte Kameraunternehmen der Welt und produziert keine Kameras.